Fünf Fragen an ... Martina Klein

08. 2016
von Kai Fischer
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Was Deutsche vom amerikanischen Fundraising leren können

Frage: Sehr geehrte Frau Dr. Klein, Sie lassen sich regelmäßig von nordamerikanischen Kolleg/innen im Fundraising inspirieren und hospitieren an dortigen Kliniken. Was unterscheidet das amerikanische vom deutschen Fundraising?

Dr. Klein: In den USA und in Kanada verfügt man über wesentlich mehr professionelle Erfahrung, dort wird Fundraising sehr viel differenzierter und nachhaltiger betrieben, so dass deutlich höhere und kontinuierlich hohe Erträge erzielt werden. In Deutschland sind bestenfalls 2,5 Personen in einer Stabstelle Fundraising beschäftigt; manchmal wird auch die Unternehmenskommunikation gebeten, diese Aufgabe "mit zu erledigen". Das ist inzwischen nicht mehr angemessen und unprofessionell. Differenzierter und nachhaltig bedeutet: die Aufgaben werden systematisch angegangen, auf viele z.T. hoch spezialisierte Teammitglieder verteilt und im ständigen internen Austausch sehr transparent erledigt. Sowohl in Chicago als auch in Vancouver sind zwischen 85 und 110 Mitarbeiter in den entsprechenden Krankenhausstiftungen beschäftigt. Man weiß und generiert sehr viel spezifisches Wissen über potenzielle Spender. Dieses Wissen beruht auf vielfältigen eigenen Recherchen und Analysen und auf Wissen, das durch öffentliche Quellen zugänglich ist. Die sich daraus ergebenden Einschätzungen werden im direkten Spendergespräch positiv genutzt. Unser Fundraising in Deutschland besteht in vielen Einrichtungen noch in "Kaltaquisen", Mailings, die ins Leere laufen, die viel Geld und Zeit binden. Wichtiger ist die direkte Bindung der Spender und deren Pflege. Deutlich wird auch, dass bspw. Stiftungen als Fundraising-Instrumente, sehr große Potenziale bieten: etwa 85 bis 110 Stiftungs-Mitarbeiter - davon ca. 50% Fundraiser i.e.S.  - generieren jährlich 90-100 Mio. US- bzw. Can.$ und organisieren zusätzlich Großspenden-Kampagnen (capital campaign), die im Laufe von 5 und mehr Jahren sehr große Investitionssummen einholen.

Frage: Worin liegen die Gründe für diese Unterschiede?

Dr. Klein: Fundraising ist sehr anerkannt. Menschen wissen es zu schätzen, wenn Ihnen mit Respekt, Wertschätzung und Professionalität begegnet wird. Sie wollen ihr Geld nicht einfach "verschenken". Sie wollen Gutes tun. Sie wollen Sinn stiften für sich selbst und die für Zuwendungsempfänger. Das setzt voraus, dass mit Ihrer Spende professionell umgegangen wird. Dies alles trifft auf die Spender in Deutschland ganz genau so zu. Jedoch wird bei uns Fundraising häufig mit "Spendeneinsammeln" gleichgesetzt. Dass Fundraising interne und externe Kommunikation bedeutet, die Reputation des Hauses positiv beeinflusst, die corporate identity erhöht, Netzwerke schafft und dadurch auch attraktiv für Spender wird… das alles wird m.E. von vielen Geschäftsleitungen in den Häusern noch nicht adäquat eingeschätzt. Die Investition ins Fundraising ist eine direkte Invention in das eigene Haus und verbessert die Außendarstellung. Ich denke, dass wir Fundraiser in Deutschland die eigene Profession besser darstellen und vermitteln sollten. Kommunikation ist keine Einbahnstraße.

Frage: Was sind aus Ihrer Sicht die TOP 3-Bereiche, in den sich das deutsche Fundraising verbessern müsste?

Dr. Klein: a) Fremdwahrnehmung hat viel mit Eigenwahrnehmung und -darstellung zu tun. Eine professionellere öffentliche Darstellung und Aufklärung über die Arbeit und die Potentiale des Fundraisings sind m.E. unbedingt geboten.

b) Die Arbeit und Organisation des Fundraisings in den Häusern muss besser etabliert werden. Dabei werden z.B. die Möglichkeiten der Digitalisierung unterschätzt. Unsere Reaktionszeiten sind zu lang; das fängt bei der Zustellung der Zuwendungsbescheinigungen an.

c) Das direkte Spendergespräch muss einen deutlich höheren Stellenwert bekommen.

Frage: Was könnten amerikanische Kollegen von uns lernen?

Dr. Klein: Ich fürchte auf dem momentanen Stand: sehr wenig.

Frage: Welche Zukunftschancen sehen Sie für das Fundraising in Deutschland?

Dr. Klein: Fundraising wird definitiv an Bedeutung gewinnen und sich stärker professionalisieren. "Fundraiser" ist ein kommender Beruf. Obwohl es auch sehr auf die Persönlichkeit des Fundraisers ankommt, werden sich die Universitäten oder Fachhochschulen stärker in der formalen Ausbildung engagieren. Schön wäre es, wenn wir dann noch eine angemessene Berufsbezeichnung finden würden, für die man weder ein Anglistikstudium noch lange Erklärungen benötigt.

Vielen Dank für das Interview.

 

 

Dr. Martina Klein

Dr. Martina Klein, Historikerin, promovierte Soziologin, hat an der Universität Duisburg unterrichtet, für die UNO in Südafrika, Australien und Südostasien gearbeitet, eine Gastprofessur in Frankreich innegehabt, war Geschäftsführerin der Medizinischen Fakultät am Universitätsklinikum Münster, zu mehrmonatigen Hospitanzen am Luries Childrens Hospital und GG+A, Consultants in Philanthropic Management, Chicago (2011) sowie 2016 am BC Children's Hospital Vancouver zur Begleitung von Capital Campaigns. Die von ihr geleiteten Fundraising-Großkampagnen wurden zwei Mal mit dem Deutschen Fundraisingpreis und insgesamt vier Awards ausgezeichnet. Aktuell leitet Martina Klein am Klinikum Dortmund die "Stabsstelle Fundraising".
Sie ist erreichbar unter: Martina.klein1@gmx.de

 

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